Arbeits-Verweigerung

Der Ruf nach einer 30-Stunden-Woche, der im Krisen-Europa nun lauter wird, ist von vorgestern. Eine vernünftige Diskussion über neue Arbeitszeitmodelle kann aber nicht schaden.

„Durch eine 30-Stunden-Woche wird Europa seine Arbeitsplätze nicht retten.“

Ein offener Brief von linken Politikern, Gewerkschaftern und Wissenschaftern hat Mitte Februar in Deutschland viel Staub aufgewirbelt. Mit einem Griff in die Mottenkiste uralt-sozialistischer Wirtschaftspolitik wird da die Einführung der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich gefordert: als Antwort Europas auf rasant steigende Arbeitslosenzahlen.

So kann man auf die zunehmende Bedrohung, dass die Europäer ihre Position in der Weltwirtschaft verlieren, natürlich auch reagieren: Nehmen wir uns doch gleich ganz aus dem Spiel! Die Schwachsinnigkeit des Vorstoßes zeigen zwei Argumente, die dafür ins Treffen geführt werden.

Erstens: gerechtere Verteilung von Arbeit. Wer das ernst meint, müsste verlangen, dass Menschen, die viel arbeiten und gut verdienen, zugunsten jener, die zu wenig oder keine Beschäftigung haben, auf etwas verzichten. Und nicht, dass sie zwar weniger arbeiten, um Platz für neue Jobs zu schaffen – aber gleich viel verdienen. Dann explodieren nämlich die ohnehin hohen Arbeitskosten.

Zweitens: Es gibt ausreichend Spielraum für eine Arbeitszeitverkürzung. Denn in Deutschland (und Österreich) seien die Reallöhne seit 2000 kaum gestiegen – in Frankreich, wo wenigstens die 35-Stunden-Woche gilt, hingegen um über zehn Prozent. Aber kann es nicht sein, dass Deutschland deswegen als einziges großes EU-Land derzeit international wettbewerbsfähig ist, während Frankreich dem Abgrund immer näher rückt?

Dankenswerterweise ist in Österreich weder eine politische Partei noch die Gewerkschaft auf den Zug aufgesprungen. Der ÖGB hat sogar seine frühere Forderung nach einer 35-Stunden-Woche vorerst ad acta gelegt. In Deutschland ist die Gefahr ebenfalls gering, dass sich maßgebliche Politiker plötzlich dem ökonomischen Selbstmordkommando anschließen. Trotzdem ist die Sache keine mediale Randnotiz – weil solche Ideen in südeuropäischen Ländern oder in Frankreich durchaus einen fruchtbaren Boden haben – und weil sie auf alarmierende Weise eine Haltung offenbaren, die keineswegs auf eine verwirrte Minderheit beschränkt ist: dass Europa seine Probleme bewältigen kann, indem es den Weg, der in die Krise geführt hat, nur noch radikaler fortsetzt.

Das Gegenteil ist richtig: Die Europäer müssen nicht weniger leisten, sondern sie müssen sich weniger leisten.

Und sie müssen erstarrte Strukturen aufbrechen. Wenn das ein Ziel ist, macht auch die Debatte um eine neue Verteilung von Arbeit Sinn. Die deutsche Wirtschaftsexpertin Sarah Wagenknecht, „Die Linke“, die den offenen Brief unterschrieben hat, meint an anderer Stelle: „Eine Variante zur Steigerung der Stundenlöhne ist die Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn.“ Das ist etwas ganz anderes: Die jährlichen KV-Lohnerhöhungen wahlweise in Form einer aliquoten Reduktion der Arbeitszeit abzugelten ist ein Modell, das viel zu wenig Anwendung findet. Junge Familienväter wird man dafür nicht begeistern, aber etwas ältere Menschen, deren finanzielle Belastung sinkt, werden oft lieber mehr Freizeit als mehr Geld nehmen. Auf diese Weise entstünde Spielraum, zusätzliche Leute einzustellen oder zumindest bestehende Jobs abzusichern.

Aus der Not heraus haben die ÖBB im letzten Jahr etwas Ähnliches gemacht. Weil sie zu viel Personal haben, aber Beamte nicht kündigen können, wurde die Arbeitszeit reduziert (um 1,5 Stunden) und mit einer Nulllohnrunde kompensiert.

Auch die flexiblere Gestaltung des Erwerbslebens würde in vielen Fällen die Möglichkeit schaffen, in Summe weniger zu schuften. Laut Studien wird in Europa etwa ein Drittel der Dienstzeit unproduktiv verbracht, weil Arbeitszeit und Arbeitsaufwand nicht im Einklang sind. Durch individuelle Vereinbarungen und maßgeschneiderte Modelle für einzelne Unternehmen oder Branchen ließe sich die Anzahl der geleisteten Stunden verringern, ohne dass die Produktivität leidet.

Vorbild sind wieder einmal die Skandinavier. In der EU arbeitet niemand kürzer als die Finnen, im Schnitt 1679 Stunden im Jahr, rund 150 weniger als die Österreicher. Trotzdem stehen die Finnen wirtschaftlich sehr gut da, weil niemand flexibler arbeitet als sie: nämlich dann, wenn es was zu tun gibt.

Alle, die Arbeitszeitverkürzung ideologisch begründen, sind komischerweise strikt gegen jede Flexibilisierung

Quelle: Format (Andreas Lampl)

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